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5-6. Sept. 2008


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In was sollen wir turnen ?
Sowjetische Sportbekleidung in den 1920er Jahren



[Alexandra Köhring]

Der Sport hatte sich in den 1920er Jahren als Chiffre für industrialisierte Modernität etabliert und produzierte einen steigenden Bedarf an entsprechender Sportbekleidung. Sporttrikots waren allerdings nicht im freien Verkauf zu finden, sondern wurden als Aufträge für Sportorganisationen oder vor allem für die Sportparaden gefertigt. Das Entwicklungszentrum für die Textilindustrie in der Sowjetunion, die Fabrik „Rote Fahne“ in Petrograd-Leningrad, produzierte diese aus Strickstoff gefertigten Mannschaftstrikots und die Trikots für die Paraden.
Die Frage nach der adäquaten Bekleidung für den Alltagssport des Sowjetbürgers blieb offen. 1928 machte die Sportillustrierte „Fizkul’tura i sport“ [„Körperkultur und Sport“] in der Rubrik „Praktische Ratschläge“ den Vorschlag „Fizkultur’niki – Näht eure Turnhosen selbst!“. In dem Artikel hieß es: „Die beliebteste und verbreitetste Sportbekleidung der sowjetischen Jugend ist die Turnhose.

Sporthose, in: Fizkul’tura i sport, Nr. 12, 24. März 1928, S. 15.

Auch bei den Sportarten, bei denen im Ausland eine spezielle Kleidung getragen wird (z. B. die weißen Hosen beim Tennis), zieht unser Fizkul’turnik die Turnhose vor. Diese weite Verbreitung der Turnhose bringt uns gerade jetzt vor der Sommersaison zu der Frage nach ihrer Anfertigung.“ Es folgten zwei Schnittmuster: „Die beiden Modell sind sehr leicht anzufertigen und bequem. Die angegebenen Maße gelten für eine männliche Figur mittlerer Größe und eher schlanker Figur. Für größere Männer oder auch für Frauen müssen die Maße und Proportionen entsprechend angepasst werden. […]Die Farbe der Turnhose sollte der Farbe der jeweiligen Sportorganisation entsprechen, der der Sporttreibende angehört. […] Eine in solcher Weise selbst angefertigte Turnhose kostet nicht mehr als 50 bis 60 Kopeken.“
In der Pragmatik ähnelte dieses Standardmodell tatsächlich den Kleidungsentwürfen, die in den frühen 1920er Jahren im Konstruktivismus entwickelt wurden: Die Künstlerin Varvara Stepanova (1984-1958) entwarf 1923 eine Reihe von Bekleidungsmodellen für typische Tätigkeiten des modernen Menschen, so Arbeitsbekleidung und Sportanzüge. In der Kulturzeitschrift „LEF. Linke Front der Kunst“ veröffentlichte sie neben den Kleidungsentwürfen den Artikel „Die heutige Kleidung – Prozodezda“. „Prozodezda“ ist eine Wortschöpfung („proizvodstvo“ – Produktion, „odezda“ – Kleidung) und lässt sich als „Produktionskleidung“ übersetzen. In dem Artikel unterschied sie den Begriff Bekleidung von dem der Mode: Während die Mode eine psychologische Funktion habe, d. h. bestimmte gesellschaftliche Werte, vor allem soziale Hierarchien, nach außen trage, bestimmte Stepanova die Bekleidung rein funktional, die Bekleidung müsse nur auf den Bewegungsprozess ihrer Nutzung abgestimmt und einfach herzustellen sein: „Die Form, d. h. das gesamte Äußere eines Kleidungsstücks, darf keine willkürliche Form sein, sondern aus den Anforderungen der jeweiligen Tätigkeit und der materiellen Herstellung hervorgehen.“ Stepanova unterstrich zum einen die visuelle Funktion der Sportkleidung: Die Unterscheidbarkeit von Mannschaften, eine gute Sichtbarkeit in offenen Räumen könne die Dynamik der sportlichen Handlung anschaulich machen und potenzieren. Zweitens betonte sie das einfache Ankleiden und Tragen des Anzugs und die Anpassung an den Körper.
Stepanova ordnete die Individualität des Körpers einer abstrakten Gestaltung unter. Die graphischen Muster der Sportbekleidung entsprachen den Entwürfen für Stoffmuster, die Stepanova zur selben Zeit anfertigte: Die graphischen Muster, die starken Flächen- und Farbkontraste, bauten auf unmittelbare optische Reaktionen und sollten dynamisierende Effekte produzieren, die sich im Wechsel vom Ruhezustand und Bewegung des Körpers verstärkten. Die Strukturen waren auf Maschinenproduktion und den technisch-maschinellen Verarbeitungsprozess ausgerichtet, d. h. sie konnten mit einfachen Schablonen gedruckt werden. Die Musterungen der Sportanzüge schufen Verbindungen zwischen den Körpern und betonten die Serialität des Körpers im Kollektiv. Die Modelle sollten als unisex-Anzüge umgesetzt werden können. Die Sportanzüge waren dementsprechend für den Gruppensport gedacht – sie waren Auftragsarbeiten und für Studenten an der Akademie für Soziale Erziehung (dem vormaligen Pädagogischen Institut) bestimmt. Stepanova lehrte in den 1920er Jahren an der Fakultät für Textilarbeit an den Künstlerischen Werkstätten in Moskau und plante 1923 und 1924 eine Zusammenarbeit mit der „Ersten Staatlichen Textildruckfabrik“ in Moskau, so dass zunächst durchaus die Hoffnung bestand, die Entwürfe auch in die Massenproduktion zu geben. Diese Pläne wurden allerdings nicht umgesetzt. Genäht wurden die Anzüge nur als Einzelanfertigungen, die zu bestimmten Veranstaltungen Verwendung fanden: Eine Studentengruppe der Akademie für Soziale Erziehung trug Stepanovas Anzüge 1924 bei der Aufführung eines Lehrstücks über Alphabetisierung, in denen die Schauspielerinnen auch Buchstaben vorführten.
Das Foto der Künstlerkollegin Stepanovas - Evgenija Zemcuzinaja - in einem Einzelstück, aufgenommen von Alexander Rodcenko im Atelier Stepanovas, betonte die weite Kontur. Stepanova hatte eine größtmögliche Annäherung der Kleidung an die Körperbewegung gefordert. Die sportliche Kleidung stellte hier auch ein Symbol für größerer Bewegungsspielräume und Handlungsmöglichkeiten dar.
Realisiert wurde ein Sportanzug nach einer Vorlage von Stepanova erneut 1999 als Sonderedition No. 8 der Deutschen Guggenheim anlässlich der Ausstellung „Amazonen der Avantgarde“ von der Firma adidas. Dieser Anzug modelliert einen Körper, der sich als Produkt einer individuell erbrachten Anstrengung exponiert. Das Modell gibt es in den Größen 34 bis 38 und ist zum Preis von Euro 75 zu erwerben.

Alexandra Köhring
Ausst.-Kat. Körpergedächtnis: Unterwäsche einer sowjetischen Epoche, Österreichisches Museum für Volkskunde, Staatliches Zentrum für Zeitgenössische Kunst Nizhnij Novgorod, Wien 2003.
Fizkul’tura i sport, Nr. 12, 24. März 1928, S. 15.
LEF (Levyj front iskusstva), No. 3, 1923.
Kiaer,Christina: The Russian Constructivist Flapper Dress, in: Critical Inquiry 28, 2001, 1, 185-243.

Turnhose Schnittmuster [PDF]