Themenschwerpunkte
Die folgende Skizze zentraler Fragestellungen soll das Spektrum der Erkenntnisinteressen am sowjetischen Sport umreißen. Das Projekt konzentrierte sich in den Einzelprojekten auf die Themenschwerpunkte „Körper“, „Raum“, und „Medien“.Organisation
Die Sowjetmacht ging aus dem Ersten Krieg hervor und musste sich im Bürgerkrieg militärisch behaupten. Entsprechend war das sowjetkommunistische Modell des Sports ein Kind der Roten Armee. Die Affinität zum Militärischen blieb ein Grundmerkmal zumindest des offiziellen Sportverständnisses. Dies fand organisatorisch Ausdruck in der Organisation Vsevobuč (Allgemeine militärische Ausbildung), einer am 22. April 1918 geschaffenen Militärbehörde, die von der OSOAVIACHIM (Gesellschaft zur Förderung von Luftfahrt und chemischer Verteidigung) und schließlich von der DOSAAF (Freiwillige Gesellschaft für die Zusammenarbeit mit Armee, Luftwaffe und Marine) abgelöst wurde. Sport, Militär und Sicherheitsdienste gingen eine symbiotische Allianz ein. Dies wäre konkret an der Geschichte der Cluborganisationen wie zum Beispiel von Dinamo zu untersuchen. Darüber hinaus ist allerdings nach der spezifischen personalen und materiellen Struktur und den Angeboten der sonstigen Sportvereine zu fragen. Von besonderem Interesse sind sportliche Freizeitaktivitäten, die jenseits offizieller oder Clubstrukturen betrieben wurden und eigene Milieus generierten. Ein eigenes Forschungsfeld eröffnet der Leistungssport, der seit den dreißiger Jahren gefördert und erst nach dem Zweiten Weltkrieg durch eigene Organisationen etabliert wurde. Eng damit verbunden ist die Entwicklung einer Sportindustrie.Körper
Ansätze, Aspekte einer Körpergeschichte aus der Perspektive der osteuropäischen Geschichte zu erforschen, sind erst in der letzten Zeit unternommen worden, Grundlagenmaterial haben vor allem kulturgeschichtliche Ausstellungen ausgebreitet (Das Gedächtnis des Körpers, Nackt für Stalin). Das Forschungsprojekt versteht sich als einen Einstieg, Fragen der Körpergeschichte, welche Bedürfnisse, Funktionen und Zwänge konkreter Körper, das Verhältnis von Körperinszenierungen und Herrschaft sowie geschlechtliche Markierungen als kulturell und historisch bedingte Konstellationen untersucht, an die sowjetische Gesellschaft zu stellen.Für eine Sportgeschichte der Sowjetunion sind insbesondere historische Denkfiguren relevant, die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts Beziehungen zwischen Individual-, Gesellschafts- und Volkskörpern herstellen. In den 1920er und 1930er Jahre gehörten Sport und Körperertüchtigung zu den Kampagnen für Hygiene, Gesundheitsvorsorge, Ernährung. Fizkul'tura wurde zum Inbegriff zeitgemäßen Lebens, Sport sollte die sozialen Deformationen der Kriegs- und Nachkriegsepoche beheben helfen. Während die Semantik der wechselnden Konzepte für den "Sowjetkörper" bereits einen etablierten Forschungsgegenstand bildet, eröffnet der Blick auf die Praxis, auf die im Sport vermittelten Körpererfahrungen, neue methodische Anforderungen. Das Projekt soll dementsprechend ein Forum für einen interdisziplinären Austausch zwischen historischen, soziologischen, anthropologischen und bildwissenschaftlichen Ansätzen bieten, in dem Fragen nach der performativen Herstellung von Körperbewußtsein im Sport und seinen identitätsstiftenden Funktionen behandelt werden können.
Nation
Im Vielvölkerstaat Sowjetunion verband sich mit dem Sport seit den 1930er Jahren die Hoffnung, insbesondere mit Hilfe seiner mediale Inszenierung eine Integration der unterschiedlichen Ethnien und Nationalitäten in das Projekt des "Sowjetvolks" fördern zu können. Im Bereich des Zuschauersports schufen Sportklubs mit multiethnischer und -nationaler Zusammensetzung sowie sowjetische Auswahlmannschaften, die auch im internationalen Rahmen auftraten, auf einer symbolischen Ebene ein harmonisches "Sowjetvolk" und hatten die Aufgabe, soziale, wirtschaftliche, religiöse, sprachliche und regionale Unterschiede zu homogenisieren. Der Sport schien dazu geeignet, durch "neutrale" Identifikations- und Aufstiegsangebote eine heterogene Bevölkerung zur Aneignung der Sowjetunion und einer neuen sowjetischen Lebensweise zu bewegen. Durch die Exponierung von Sportler-"Helden" ließen sich die Angebote des Regimes auf einer emotionalen Ebene an die Bevölkerung transportieren. Eine ähnliche Funktion wurde auch der öffentlichen Präsentation des Freizeitsports beigemessen. Hier hatten z.B. die usbekischen Gymnastinnen in ihrer zwar gegen die Regeln ihrer traditionellen Gesellschaft verstoßenden Sportbekleidung, die aber dennoch nationale Gestaltungselemente aufnahm, ihren festen Platz in der das "Sowjetvolk" symbolisch abbildenden fizkultura-Parade.Es wird die Aufgabe des Forschungsprojekts sein zu Fragen, inwiefern, von wem und mit welchem Erfolg die Identifikations- und Aufstiegsangebote wahr - bzw. angenommen wurden. Wurden hierdurch eine Form von sowjetischem Patriotismus, oder ethnische bzw. nationale Partikularitäten, oder aber hybride Identitäten gefördert? Die von den sowjetischen Verantwortlichen prodzierten Bilder waren nicht auf Eindeutigkeit zu reduzieren und eröffneten, wie auch schon die Politik der korenizacija in den 1920er Jahren, die Möglichkeit zu vielfältigen Deutungen, darunter auch zur Subversion und zum Mißverstehen.
Medien
Sport funktioniert über die körperliche Aktion hinaus als mediales Ereignis - er exponiert den Körper und setzt Körperbilder in einer sich medial vermittelnden Öffentlichkeit in Umlauf. In heutigen "Mediengesellschaften" ist Sport fester Bestandteil einer Unterhaltungsindustrie, die Sportveranstaltungen und Sportler in verschiedenst gestalteten Bildern, vom Fernsehinterview bis zur Fanpostkarte, popularisiert und in den Erfahrungshorizont Jedermanns rückt.In der sowjetischen Bildproduktion der 1920er und 1930er Jahre kamen Sportdarstellungen auffallend oft vor: Sie bildeten Motive des im Verbund verschiedener Medien praktizierten Sozialistischen Realismus (Film, Literatur, Malerei), mit Sport wurde auf Plakaten für sozialistisches Engagement geworben, der Dokumentation von Sportveranstaltungen in Zeitung und Zeitschriften widmeten sich bekannte Fotografen. Während des Aufbaus der sowjetischen Gesellschaft stand mit der Frage nach einer ideologisch einwandfreien Gestaltung und Nutzung von Bildern das grundlegende Problem der Möglichkeit einer bedürfnisregulierenden Perzeption zur Debatte: Vor allem die Darstellung des Körpers bildete einen Modellfall dafür, wie Bildkonzeptionen mit Wahrnehmung, Imagination und Bewusstseinsbildung des sowjetischen Betrachters koordiniert und gesellschaftlich-sozial fruchtbar gemacht werden könnten.
Mit der Betrachtung von Sportdarstellungen lassen sich eine Reihe Problemfelder erschließen: Es geht um die konzeptionellen, strukturellen und sozialen Hintergründe der Produktion, Zirkulation und Rezeptionsweisen dieser Bilder in der sowjetischen Gesellschaft, ihre Bedeutung für die Genese von Körperidealen. Während die Beschäftigung mit der visuellen Kultur der frühen Sowjetunion auf Arbeiten zu Konsumverhalten aufbauen kann, stellt Sport in der Medienkultur der 1960er bis 1980er Jahre Forschungsneuland dar, das zunächst Grundlagenarbeit, die umfassende Recherche von Bildmaterial, erforderlich macht.
Raum
Sportliche Betätigung bedarf wie sonstiges soziales Handeln des Raums bzw. schafft teilweise erst Räume. Die Metropolen, die Vorstädte, Randbezirke, Provinzorte, Dörfer und Siedlungen boten sehr unterschiedliche materielle Voraussetzungen zur Ausübung und Entwicklung von unterschiedlichen Sportarten. Dem Stadion wuchs in der Sowjetunion seit den 1930er Jahren eine steigende gesellschaftliche Bedeutung zu; in Magnitogorsk wurde ein Stadion im "Kulturzentrum" der Stadt gebaut, der Besuch eines Spiels des städtischen Clubs "Metallurg" zählte zum Kanon sozialistischer kul'turnost', hier wurden die Spartakiaden zwischen Teams örtlicher Produktionsstätten ausgetragen. In dem Forschungsprojekt geht es um die Erschließung und Rekonstruktion weiterer konkreter architektonischer oder landschaftlicher Räume, in denen sowohl Massen- als auch Leistungssport betrieben wurde - die Stadien, Sportklubs, Freizeitparks und Naherholungsgebiete. Wie der theatrale Raum ist auch der des Sports gegliedert in Innen- und Außenbezirke, sichtbare und verborgene Zonen, die zwischen Öffentlichem und Privaten changieren und jeweils unterschiedliche Rollenverhalten provozieren. In der Topographie und Strukturierung von städtischen und landschaftlichen Räumen lassen sich solche Muster erkennen.Darüber hinaus scheint der Sport vor allem in seiner medialen Vermittlung nach und nach die Sowjetunion als räumliche Vorstellung mitkonstruiert zu haben (als virtuelle Gemeinschaft bei Radio- und Fernsehübertragung, in der Berichterstattung überregionaler Sportereignisse).
Neben einer solchen Konstruktion der Sowjetunion als symbolischen Raum bildete die unmittelbar praktizierte und erfahrene Raumerschließung in regional und überregional agierenden Sportarten schließlich Bestandteile individuellen und kollektiven Selbstverständnisses.


